Das Dilemma zwischen Wahrheit und Verbot

by Raphael Haase

Es heißt doch so häufig, man solle nicht stets starrköpfig auf seinen Prinzipien beharren. Der Buddhismus kennt das. Und man hört es sehr häufig. Wahrscheinlich tritt es in den meisten Weltreligionen auf.

In letzter Zeit wird mir immer mehr bewusst, wie bestimmte Dinge, die in Deutschland noch verboten werden müssen (Rauchen), woanders bereits längst freiwillig nicht mehr gemacht werden.

Von einem Gesundheits-wissenschaftlichen Standpunkt her sollte man so viele Dinge sein lassen:

  • Rauchen
  • Alkoholkonsum
  • Exzessiver Fleischkonsum, wie er inzwischen teilweise in Europa und Nordamerika Alltag ist
  • Laute Musik (>= 85 dB)

Gerade zum Thema Ernährung gibt es dann eine Reihe an Nahrungsmitteln zu nennen, die zumindest einige Menschen ebenfalls nicht konsumieren sollten (die zähle ich jetzt nicht auf).

Da ich als Informatiker ständig in Dimensionen von Software denke, erscheinen mir die oben genannten Probleme wie Fehler in Software. Mit der Matrix-Metapher aus dem Film: Die Bugs in den Client-Programmen, die das Verhalten der Menschen berechnen, sollte man einfach beheben. Dann würde die Menschen hoffentlich besser funktionieren.

Nun beobachte ich gerade in Europa eine gewisse Trotzigkeit, das Richtige zu akzeptieren. Die Argumente sind vielfältig: Während die einen sich auf Grundrechte berufen, dass ihr Staat ihnen nichts vorschreiben sollte, negieren die anderen die Wissenschaft als systematische Methode Wahrheit zu finden, zu quantifizieren und somit messbar zu machen.

Und nun meine Behauptung: Die Realität gibt ihnen nicht recht. Die Wissenschaft, repräsentiert durch eine Menge an Methoden und Theorien der letzten 100 Jahre, war im Markt-Sinne sehr erfolgreich: Sie wurde von vielen Menschen übernommen und von diesen als “gutes Produkt” angenommen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben dazu beigetragen, dass klar wurde, wie gefährlich Rauchen ist und nur eine Minderheit beugt sich dem noch. Analog ist es mit dem Verbote-Argument. Es ändert nichts an der Realität, dass die zugrundeliegende Sache, das Rauchen, schädlich ist. Wenn nun also heraus gefunden wurde, dass man durch das “Einsparen” von Rauchen 86 Milliarden Dollar alleine in Kalifornien sparen kann, dann haben wir wieder ein Markt-Argument. Folglich ist der Glaube an die Wissenschaft und an Verbote in genau diesen zwei Fällen förderlich.

Mein Beispiel: Einige Länder setzen teilweise oder vollständig Verbote ein, um manche der oben genannten gesellschaftlichen Probleme zu beheben. Rauchen ist eben in Teilen der USA stark reglementiert und in Skandinavien ist Alkoholkonsum stark eingeschränkt (im Falle von Norwegen aufgrund extremer Preise fast unmöglich).

Mein Vorschlag: Mehr über den sinnvollen und geschickten Einsatz von gesundheitsorientierten Verboten in Form von Steuern und anderen Einschränkungen nachdenken in Europa. Häufig werden Verbote zu hastig angegangen und in zu großen Schritten, so dass sie schnell wieder abgeschafft werden. Man könnte beispielsweise nach dem Rauchen nun den Alkohol in Angriff nehmen und da jährlich die Steuern etwas anheben. Irgendwann wäre er dann so teuer, dass kaum jemand mehr welchen trinken würde. Es hätte also die selbe Wirkung wie ein Verbot, ist aber nur eine Steuer. Wenn man es langsam genug macht und den Leuten sagt, warum, dann würde es wahrscheinlich funktionieren.

Von dem deutschen Liberalismus bin ich inzwischen enttäuscht. Er wird in letzter Zeit häufig instrumentalisiert, um total Unsinniges zu verteidigen. Wie eben zuletzt – und heute noch – das Rauchen.

Der deutsche Liberalismus ist scheinbar zu einer Abwärtsspirale geworden. Nun soll zwar alles geduldet sein und bleiben, was den Menschen schadet (Rauchen, Alkohol, exzessiver Konsum im Allgemeinen).

An die marktwirtschaftliche Perspektive des Liberalismus scheinen aber wenige zu denken. Dass die Märkte ganz klar sagen, dass wir alle aufhören sollten, gewisse Dinge zu tun, ist vielen klar, aber kaum einer in der FDP und auch bei den Julis sieht sich bereit das zu akzeptieren – wie bei der Raucherschutz-Debatte. Den Liberalismus sollten wir viel lieber bei der Informationsfreiheit ansetzen. Da sind die Chancen, dass er zu einem messbar höheren Wohlstand beiträgt, viel besser.

Manch ein Liberaler sollte also vielleicht erneut über die Prinzipien nachdenken, auf denen er beharrt. Und ob er sie wirklich richtig anwendet.