Die Schwächen von Web-Interfaces

by Raphael Haase

Ich bin ein Fan von Cloud Computing. Aber nicht von Web-Interfaces.

Seit 2 Jahren kommen vor allem von Google ständige Versprechungen, dass der Web-Browser die Zukunft ist. GMail und Konsorten mögen ja sicher sehr erfolgreich sein und durchaus für die meisten Nutzer ausreichend.

Aber wenn man sich andere Anwendungen ansieht, die etwas mehr Funktionalität erfordern als Mail-Programme, dann entsteht der Eindruck, dass Web-Browser nicht auf der Höhe der Zeit sind und auch nicht nachkommen.

Chrome ist jetzt seit einiger Zeit draußen. Safari und Chrome kämpfen immer wieder um die Performance-Spitze bei JavaScript. Aber es reicht nicht. Viele Browser-Anwendungen sind zwar ein netter Versuch, aber es fehlt Essentielles. Ich bin ja beispielsweise ein Fan von MindMeister. Aber mir wäre es lieber, wenn MindMeister – wie unter iOS – nicht im Browser laufen würde. Sondern stattdessen für die wichtigen OSes eine native Anwendung. Oder meinetwegen eine QT-Anwendung.

Viele Anwendungen, wie bspw. MindMeister, sind nun einige Zeit auf dem Markt. Und immer noch fehlen essentielle Funktionen: Offline-Funktionalität, Reaktivität des Interfaces, simple UI-Features wie Mehrfach-Selektion von Objekten (z. B. MindMeister). Das sollte HTML5 bringen. Tut es auch theoretisch: In der Praxis sieht man nichts davon. Überhaupt frage ich mich langsam, warum man eigentlich HTML5 und Konsorten braucht. Eigentlich ist das doch nur das Nachbauen von Cross-Platform-Frameworks im Browser.

Browser-Anwendungen haben eine Reihe an Nachteilen:

  • UI nicht nativ
  • UI häufig langsam
  • Offline geht i.d.R. nicht
  • Tastatur-Shortcuts gehen nicht so schön
  • Ohne Chrome oder Safari geht’s nicht gut

Cross-Platform-SDKs wie QT haben nur einen Teil der Nachteile und ich kann keine zusätzlichen erkennen. Genau so wie Browser-Anwendungen ist ja QT plattform-unabhängig (und das heißt nicht nur Windows und Mac).

Warum entwickeln die Leute dann immer noch für den Browser? Apps installieren und automatische Updates sind doch heute auch so trivial geworden, dass man jetzt nicht sagen kann, dass das Deployment immer noch viel einfacher wäre mit Browser-Anwendungen.

Eine Abkehr vom Browser würde uns im Übrigen auch das Gejammere um Flash ersparen. Flash betrachten manche ja nur als notwendig, weil es das kann, was HTML5 nicht kann, Cross-Platform-Frameworks aber noch besser können. Ohne Adobe, ohne 200 MB Speicherverbrauch für einen Twitter-Client.

Ich meine, Web-Interfaces sind nicht an sich falsch. Sie haben sicherlich ihre Zwecke, wenn etwas zum Beispiel stark inhaltslastig ist und wenig Interaktion erfordert. Genau dafür wurde das Web ja ursprünglich erschaffen.

Ich denke nur, dass es für komplexere Dinge – und dazu zählt schon eine Mindmap-Anwendung – besser wäre, auf geeignete Technologien umzusteigen. Der Versuch eines ertrunkenes Pferd beim 2. und 3. Versuch besser durch den Ozean zu reiten, funktioniert nicht, wenn das Pferd zwischen den Versuchen nicht wiederbelebt werden kann und auch beim 3. Versuch immer noch nicht im Wasser atmen kann und deshalb wieder ertrinkt.

Pferde haben ja auch einen wohldefinierten Zweck. Aber genau so wie wohl – hoffentlich – keiner versuchen würde Pferde gewaltsam in Amphibien zu verwandeln, sollte man vielleicht die Browser lieber Pferde sein lassen und echte Anwendungen wieder richtig entwickeln. Richtig nativ oder eben cross platform, aber als richtiger, “fat” Client.